Mo
12
Jul
2010
Gemeinsam Lesen: Seid heilig! (II)
KAPITEL 1: SÜNDE (S. 39-56)
Ein großer Vorteil bei der Analyse und Betrachtung dieses Buches, ist die ebenso klare wie einfache Gliederung seiner Kapitel. Jedes Kapitel besteht aus verschiedenen Abschnitten (dieses zweite z.B. aus sechs) die mit einer deutlichen Überschrift versehen sind, so dass man zu jeder Zeit den Überblick behält und obendrein ein gutes Nachschlagewerk liefert: Alle Abschnitte sind nämlich auch im Inhaltsverzeichnis aufgeführt. J.C. Ryle wartet nie lange, mit seinen lehrmäßigen Aussagen. So weiß der Leser sofort worum es geht und wird unmittelbar von der Wucht der biblischen Wahrheit im Herz getroffen . Gerade für ein Buch, dass lebensverändernd, aufklärend und lehrmäßig wirken soll, hilft diese Schreibweise enorm. Jeder, der noch zögert bei dieser Reihe mitzumachen, kann ich an dieser Stelle nur dazu ermuntern sich dieses Buch zuzulegen. Fast möchte ich sagen ist diese Lesereihe überflüssig. Denn würde man das Buch für sich lesen, würde sich alles von selbst klären, würde ich behaupten...;-)
ZUSAMMENFASSUNG
Wir halten ein Buch über Heiligkeit bzw. Heiligung in den Händen, warum fängt der
Autor dann mit dem Thema Sünde an? Diese Fragen erstickt Ryle sofort im Keim, den erfängt das Kapitel mit folgenden Worten an:
„Wer die richtige Erkenntnis über die christliche Heiligkeit bekommen möchte, muss damit beginnen, das weite und ernste Thema der Sünde zu untersuchen. Er muss sehr tief graben, wenn er hoch bauen will.“
Schon hier können wir eine klare Absage an oberflächliches Christentum und
Verkündigung erkennen, welches allzu oft in den Gemeinden anzutreffen ist. Bei
Evangelisationen wird vermehrt auf das ansprechen der Gefühle als des Verstandes
gesetzt. Ich behaupte nicht, dass man nicht die Gefühle bei der Verkündigung
ansprechen darf, es sollte aber eine gesunde Ausgewogenheit vorhanden sein. Lasst uns vielmehr tief graben. Denn die Schätze und „Geheimnisse“ der Schrift sind nicht immer wirklich offenbar. Zurück zum Thema des Kapitels, der Sünde.
Im ersten Abschnitt „Eine Definition von Sünde“ schreibt J.C. Ryle:
„Ich fürchte, dass es an diesem Punkt viel Verwirrung und Unklarheit gibt.“
Weiterhin schreibt er dass es Tat- und Unterlassungssünden gibt. Auch räumt er mit der Ansicht auf, wenn wir Sünden begehen würden, von denen wir nicht wüssten, dass Sie Sünden sind, wären keine wirklichen Sünden.
„Ich kann keinen Schrifthinweis für die moderne Behauptung finden, dass „Sünde keine Sünde für uns ist, bis wir sie wahrnehmen und uns ihrer bewusst sind“. ...Wenn wir unser eigenes miserables, unvollkommenes Wissen und Gewissen zum Maßstab unsere Sündhaftigkeit machen, dann stehen wir auf gefährlichem Boden.“
Im folgenden macht uns Ryle auf den Ursprung der Sünde aufmerksam und sagt, dass wir völlig verdorben sind:
„Sie ist eine Familienkrankheit, die wir...von...Adam und Eva, geerbt haben.“
Auch im Abschnitt „Das Ausmaß der Sünde“ geht er auf die völlige Verdorbenheit des
Menschen ein. Eine Tatsache die sogar von Christen teilweise verleugnet wird. Für Ryle ist die Sache klar:
„...es bleibt doch Tatsache, dass er in geistlichen Dingen gänzlich „tot“ ist und kein natürliches Wissen von Gott und keine Liebe oder Furcht Gott gegenüber hat. Das Beste in ihm ist so mit Verderbtheit durchzogen und vermischt, dass der Kontrast die Wahrheit und das Ausmaß des Sündenfalls deutlich hervortreten lässt. ...Die Wurzeln der menschlichen Verderbtheit stecken so tief, dass sie in der Tiefe unseres Herzens am Leben bleiben, selbst wenn wir wiedergeboren, erneuert, gewaschen, geheiligt, gerechtfertigt und zu lebendigen Gliedern Christi geworden sind.“
Diese Sichtweise spielt eine Hauptrolle in Ryles Verständnis von Heiligung. Auch als
Kinder Gottes kämpfen wir mit dem Fleisch. Er deutet ganz richtig den „Wettstreit
zwischen Fleisch und Geist“, als Beweis für unsere Verderbheit, die zwar immer noch in uns wohnt, aber nicht mehr über uns (einen wiedergeborenen Kind Gottes) herrscht.
Bevor Ryle zur praktischen Anwendung kommt, geht er kurz auf die Niederträchtigkeit und die Hinterlist der Sünde ein. Ich stimme mit dem Autor absolut überein, wenn er schreibt:
„...der Mensch, ...kann sich nicht vorstellen, was Sünde in den Augen Gottes für eine schlimme Sache ist, dessen Schöpfung absolut vollkommen ist...“
Sicher, dass ist „bloß“ Ryles Feststellung und trotzdem denke ich, dass es zu 100%
zutrifft. Wie recht wird er wohl haben, wenn er schreibt:
„Ich bin davon überzeugt, dass uns, wenn wir am Tag der Auferstehung erwachen, nichts so erstaunen wird wie der Blick, den wir auf die Sünde haben werden, und der Rückblick auf unsere unzähligen Mängel und Fehler.“
In seinem letzten Abschnitt, in der es um die praktische Anwendung der Lehre der
Sünde geht, macht der Bischof von Liverpool, einige bemerkenswerte und klare
Aussagen, die wir uns markieren sollten. Ich denke Sie bedürfen keines Kommentares.
„Menschen werden nie zu Jesus kommen und bei Jesus bleiben und für Jesus leben, wenn sie nicht wirklich wissen, warum sie kommen sollen und was ihre Not ist. Die, die der Geist zu Jesus zieht, sind solche, die der Geist von der Sünde überzeugt hat. Ohne wirklich der Sünde überführt worden zu sein, scheinen Menschen zu Jesus zu kommen und ihm für eine zeit zu folgen, doch sie fallen bald ab und kehren zurück in die Welt“
„...eine richtige Sicht der Sünde (ist) das beste Gegenmittel gegen jene sinnliche,
feierliche, formale Art von Christentum, die in den letzten Jahren wie eine Flut über unser Land hinweggefegt ist und so viele weggetragen hat.“
Im fünften Punkt dieses Abschnittes begründet er, warum eine biblische Sicht der
Sünde so wichtig für die Heiligung ist.
„Seit langen ist es meine sorgenvolle Überzeugung, dass der Standard des alltäglichen Lebens unter bekennenden Christen in diesem Land ganz allmählich gesunken ist. Ich fürchte, dass christusgemäße Liebe, Freundlichkeit, gutes Benehmen, Selbstlosigkeit, Sanftmut, Güte, gutes Wesen, Selbstverleugnung, Eifer, Gutes zu tun und sich von der Welt absondern, weitaus weniger beliebt sind, als sie es sein sollten und als sie es zur
Zeit unserer Väter waren.“
Er schließt mit den Gedanken, mit denen er auch begonnen hat:
„...wir müssen tief unten beginnen, wenn wir hoch bauen wollen.“
FAZIT
Ryle wollte mit diesem Kapitel die Sünde biblisch charakterisieren. Dabei ist seine
„Auslegung“ klar und für jeden verständlich. So hat er eine hervorragende Grundlage
geschaffen um die Wichtigkeit, Stellenwert und den Charakter der Heiligung deutlich zu machen. Der Autor motiviert uns tief in der Schrift zu graben, damit wir ein solides
Leben in Christius wirklich führen können.
NÄCHSTE WOCHE
Bitte nimm dir für nächste Woche Kapitel 2: Heiligung (S. 57-80) vor.
DEIN PART
Das Ziel der Serie "Gemeinsam Lesen" ist, bibeltreue Literatur gemeinsam zu lesen und zu besprechen. Wenn du mitlesen möchtest, kannst du dies gerne tuen und dabei deine Meinung und/oder Fragen loswerden. Fühl dich also frei, den Kommentarbereich zu gebrauchen. Vielen Dank fürs mitmachen. Möge der Herr dadurch verherrlicht werden.
DAS BUCH
Infos zum Buch der aktuellen Serie und eine Möglichkeit es zu erwerben findest du hier.
ARTIKEL AUS DER SERIE
11 Kommentare
-
#1
Es ist doch ganz schön ungewohnt heute, mit dem Thema „Sünde“ zu beginnen.
Und ich denke, dass es wirklich damit zusammenhängt:
„Ich für meinen Teil bin davon überzeugt, je mehr Licht wir haben, umso mehr sehen wir unsere eigene Sündhaftigkeit; je näher wir dem Himmel kommen, umso mehr sind wir mit Demut bekleidet.“ (S. 49)
Es gibt keine rechte Sündenerkenntnis, solange man nicht erkennt, wer dieser Gott ist, gegen den sich Sünde richtet. Je besser man diesen Gott erkennt in Seinem Wort, desto intensiver wird das Bewusstsein darüber, was es eigentlich heißt: ein sündiger Mensch zu sein, der laufend sündigt (ob in der Tat, oder in der Unterlassung).
Dieses Übel hier: „Wir sprechen häufig davon, dass „Sünde“ in der Welt ist und dass der Mensch „sündigt“. Aber was meinen wir mit diesen Begriffen? Wissen wir es wirklich? Ich fürchte, dass es an diesem Punkt viel Verwirrung und Unklarheit gibt.“(S. 40)
kenne ich selbst von mir. Und mir wurde dieser Zustand eigentlich auch erst bewusst, als man mich nach der Bedeutung, der von mir gebrauchten Wörter, fragte.
Das ist wirklich ein sehr wesentlicher Gedankengang – Wissen wir, worüber wir reden?
Mir gefällt die Vorgehensweise (erst detaillierter Belehrung dann praktische Anwendung) sehr gut.
Zumindest hier geht es nicht um das Abarbeiten von aufgestellten Regeln – sondern um ein tiefes Verständnis und dessen zwangsläufige Auswirkung in der Praxis.
So ist es nicht verwunderlich, wenn gesagt wird, dass die richtige biblische Sicht von der Sünde ein Gegenmittel gegen eine nebulöse Art von Theologie sei.
Wer nicht genau weiß, warum wir einen gnädigen Gott brauchen – wird wie im Nebel bleiben.
So ist es nicht verwunderlich, wenn gesagt wird, dass die richtige biblische Sicht von der Sünde ein Gegenmittel gegen eine übertrieben tolerante Theologie sei.
usw.
Und das Zitat möchte ich unbedingt noch bringen:
„Die Tendenz des modernen Denkens heißt, Dogmen, Glaubensbekenntnisse und jede Art von Grenzen in der Religion abzulehnen. Es wird für großartig und weise gehalten, absolut keine Meinung zu missbilligen und alle ernsthaften und klugen Lehrer als vertrauenswürdig anzusehen, wie verschieden und sich gegenseitig ausschließend ihre Meinungen auch sein mögen. Fürwahr, alles ist wahr, und nichts ist falsch! Jeder ist richtig, und niemand ist falsch! Jeder wird wahrscheinlich gerettet werden und niemand verloren gehen!“ (S. 51)
Wann ist dieses Buch entstanden?
Es liest sich wie ein eben erst für unsere Zeit gemünztes Buch.
Liebe Grüße Anna
-
#2
Ich fand dieses Kapitel großartig. Anna hat mir den Gefallen getan, bereits meine Lieblingsstellen zu zitieren - ;-)
Am Anfang des Kapitels bringt Ryle es gleich auf den Punkt: „Unklare und verwaschene Ansichten von Sünde sind der Ursprung der meisten Fehler und Irrlehren der heutigen Zeit.“
In der Tat liest sich das Kapitel wie die Erklärung der Gnadenlehre „völlige Verdorbenheit“. Allzu wahr ist Ryles Feststellung, dass der „Mischmasch“, der heutzutage so gern gelehrt wird, dazu führt, dass den Gläubigen dann im „Notfall“ alle Felle davonschwimmen.
Leider ist der Enthusiasmus zum Erlernen solider Theologie vor der Krise nicht so groß.
So bin ich auch schon, wie Ryle so nett schreibt, als eine Art theologisches Fossil bezeichnet worden – mit genau dem Hinweis, dass die Bibel allein eben doch nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Ich wette, Ihr habt das auch zu hören bekommen.
In der Tat scheint es in unseren Gemeinden entweder eine Über- bzw Fehlbetonung von Heiligkeit zu geben (unter der wir alle schon mal gelitten haben) oder die Gegenreaktion, bei der die Lehre von der Sünde als zu deprimierend empfunden und abgelehnt wird.
Wie erfrischend liest sich dagegen dieses Kapitel!
Als Schmankerl zu Thema möchte ich Euch ein kleines Zitat aus dem Betanien-Buch „Susannah Spurgeon“ geben, das wirklich alles unterstreicht, was Ryle hier sagt. Diese Zeilen stammen aus einem LIEBESbrief von Spurgeon an seine Verlobte! Was war ihm wohl neben der Bekräftigung seiner Gefühle wichtig?
„Noch einmal möchte ich betonen: Ich bin Gott überaus dankbar, sowohl in deinem als auch in meinem Interesse, dass du die Lektionen des Herzens so gründlich gelernt hast und dir deiner Verderbtheit stets bewusst bist. Es werden weitere Lektionen kommen, um dich fest zu gründen, aber, o meine Liebe, wie wichtig ist es, die erste Lektion gut zu lernen!“
In diesem Sinne, auf zum nächsten Kapitel! ☺
P.S.: Peter, ich habe Bibel a la Carte soeben zufällig in Deiner Linksammlung entdeckt und fühle mich geehrt, vielen Dank!
-
#3
Hallo Susanne,
ich zitiere mal aus deinem Beitrag:
"Allzu wahr ist Ryles Feststellung, dass der „Mischmasch“, der heutzutage so gern gelehrt wird, dazu führt, dass den Gläubigen dann im „Notfall“ alle Felle davonschwimmen."
und ich teile diese deine Sichtweise.
Aber wie würdest du jemand plausibel machen, der ja von diesem "Mischmasch" sehr überzeugt ist und sich auf den rechten Weg damit glaubt - dass ihm im Notfall alle Felle wegschwimmen.
Lieben Gruß Anna
-
#4
Hallo Anna,
Gute Frage. Ich fürchte, ich könnte es dem Überzeugten nicht plausibel machen!
Wahrscheinlich würde ich ein paar Verse zitieren, in denen es darum geht, dass die Schrift uns zum Studium auffordert, ausreichend ist usw. (5. Mose 6,4-9; 2. Tim 3,16; Mt 7,26ff u.v.a.) An dieser Stelle würde sich in so einem Gespräch schnell herausstellen, wie der Gesprächspartner mit der Schrift umgeht. Wenn er das „alles nicht so eng sieht“, dann kann ich nicht mehr viel für ihn tun. Wer wirklich glaubt, dass man keine klare Lehre braucht, empfindet uns wohl eher als Störenfried. Diesen Menschen bringt Gott oft erst durch die Nöte zu der Erkenntnis, dass er ein festeres Fundament braucht.
Wer allerdings offen ist für biblische Belehrung und geistliches Wachstum, der wird, wenn man immer wieder die praktischen Zusammenhänge aufzeigt (wie Ryle das hier so gut macht), dann auch irgendwann selbst die Bedeutung erkennen. Das ist zumindest meine Erfahrung.
Du sprichst da ein Thema an, dass mir sehr am Herzen liegt – ich möchte so gern alle davon überzeugen können, dass die Schrift allein der Schlüssel ist. Aber immer wieder lerne ich neu, dass nur der Geist Gottes die Menschen wirklich bewegen kann, selbst ihre Bibel zu studieren. Deshalb bete ich sehr viel dafür.
Allerdings kann seelsorgerlich geschriebene Literatur wie „Seid Heilig“, auch sehr hilfreich sein, weswegen wir Bücher dieser Art oft empfehlen und weitergeben.
Liebe Grüße,
Susanne
-
#5
Hallo Susanne,
danke für deine Gedanken.
Hast du schon einmal einen "Mischmasch"-Anhänger gefragt, wieso er seine Position als erstrebenswert empfindet?
Wenn ja, welche Argumente kommen von dieser Seite?
Ich weiß, dass du eigentlich hier nicht mitlesen wolltest, weil du viel zu tun hast.
Ich möchte dich also auch nicht nötigen, deine Zeit für Dinge einzusetzen, die für dich jetzt nicht dran sind.
Mich würden schon die Argumente aus dieser Richtung interessieren.
Vielleicht haben ja noch andere hier solche Argumente auf Lager?
Liebe Grüße Anna -
#6
@Anna
Das ist eine gute Frage. Zunächst muss ich sagen, dass ich einem Vertreter einer "Mischmasch-Theologie" eher nicht offen sage, dass er ein solcher ist. Vielmeher versuche ich durch Argumente für die rechte Theologie, Ihn darauf aufmerksam zu machen, dass er nicht in der richtigen Spur, diesbezüglich ist.
Ich würde, wie Susanne, einige Bibelstellen zitieren, die darauf hinweisen, dass wir "Wahrheit kaufen" sollen d.h. die Bibel ist ja nicht umsonst so ein dickes Buch. Es wäre nicht nötig gewesen eine solche Offenbarung zu senden um gleichzeitig seine Wahrheiten, auf ein paar Kernaussagen zu reduzieren.
Wir müssen aber vorsichtig sein, denn durch "Hardliner" ist schon viel unfrieden entstanden. Ich denke, dass in dieser Frage die Lehrer und Prediger Ihre Verantwortung wahrnehmen müssen und den ganzen Ratschluss predigen. -
#7
Hallo Peter,
da hast du schon recht und ich würde auch nicht den Begriff verwenden.
Mir geht es jetzt auch weniger darum dem Anderen nun die "Bibel um die Ohren zu schlagen" - sondern das Problem, welches ich sehe, ist eher dieses:
Wie macht man jemanden plausibel, dass es eine einzige Wahrheit überhaupt gibt und dass man die überhaupt erkennen kann und dass sie außerdem sehr, sehr nützlich ist?
Ich kenne nämlich eigentlich nur das Unvermögen überhaupt noch zu beurteilen, das Unvermögen, überhaupt die Nützlichkeit des Ganzen zu erfassen.
Das ist schwierig - deswegen meine Frage nach weiteren Argumenten bzw. wie die Erfahrungen hier liegen.
Anna -
#8
Liebe Anna,
Ich habe mal versucht, etwas systematischer an Deine Frage ("Hast du schon einmal einen "Mischmasch"-Anhänger gefragt, wieso er seine Position als erstrebenswert empfindet? Wenn ja, welche Argumente kommen von dieser Seite?") ranzugehen (bin ein großer Struktur-Fan ☺) Dann fällt mir die Antwort leichter. Und ich hoffe sehr, dass ich nicht komplett an Deiner Frage vorbeirede...
Erstmal muss ich versuchen klarzustellen, was ich mit „Mischmasch“ meinte: theologische Halbwahrheiten. Ryle bezieht das hier konkret auf die Lehre von der Sünde. (Bei mir ist das Punkt a im Kapitel). Hier finde ich so nett, wie er das beschreibt: eine Christenheit, die nicht ganz falsch liegt, aber die dennoch nicht das ganze Ausmaß und Gewicht von 16 Unzen auf ein Pfund hat, wo ein bisschen Gnade und ein bisschen Buße usw – aber nicht das echte Original gepredigt wird. (Soweit meine Übersetzung, bei Euch steht vielleicht 1000 g auf ein Kilo. ☺)
Was diese Lehren sind (bezüglich der Sünde), zählt er auf. Ich mache das auch mal und versuche dann die Argumente zu bringen, die ich jeweils von den „Mischmasch-Vertretern“ zur Verteidigung ihrer Position höre, ja?
- die Lehre der totalen Verdorbenheit von Anfang an: Eltern wollen gar nicht hören, dass ihre Kinder verdorben sind! Sie sagen “Wie kannst du nur so lieblos über ein kleines Kind reden! Es macht doch keinen Sinn, dieses Kind schreit doch vor Hunger, nicht weil es böse ist – es folgt seinem gesunden Instinkt!“ (die Halbwahrheit wäre: der Mensch ist schlecht – aber nicht als Baby)
- die Lehre von dem Unvermögen, Gutes hervorzubringen: Der Mensch will Lob für seine Anstrengungen und guten Absichten, er will nicht auch noch hören: Egal was Du machst, ein Quäntchen Selbstsucht/Sünde ist immer dabei! Er sagt „Gott sieht doch meine guten Absichten! Wenn wir nichts Gutes könnten, würde er es nicht befehlen.“ (die Halbwahrheit wäre: wir haben oft schlechte Absichten, aber wir können auch was Selbstloses hervorbringen.)
- die Lehre, dass unsere Sünde so schlimm ist, dass nur Gott sie tilgen konnte – ohne unser Zutun: Keiner findet sich wirklich so schlimm. Gesundes Selbstwertgefühl ist gefragt. „Sicher war ich nicht soooo böse.“ (die Halbwahrheit wäre: Wir sind Sünder, aber wenn wir kein Gutes in uns hätten, dann hätten wir uns doch nicht für Gott entschieden, oder?...)
- die Tatsache, dass Gott festlegen darf, was Sünde ist: „Nun, sicherlich ist es nicht zeitgemäß, wenn wir den moralischen Standard von damals anlegen? Da laufen uns doch alle davon?“ (die Halbwahrheit wäre: Wir müssen uns schon nach der Bibel richten, denn sie ist Gottes Wort – aber nicht in allen Details.)
- die Tatsache, dass wir alle immer noch ein Problem mit der Sünde haben: Nichts wird in christlichen Kreisen lieber verschwiegen! Keiner will sich outen. Klar, Pauschalaussagen sind kein Problem, aber wo trifft man einen, der zugibt, zu lügen, Gott ungehorsam zu sein, Bibellese langweilig zu finden, mit sexueller Unreinheit zu kämpfen? (die Halbwahrheit wäre: Wir sind Sünder, aber wir sind keine schlimmen Sünder mehr...)
Wenn man sich diese Themen anschaut, bekommt man die Argumente gegen systematische Lehre zusammen, die wir zu hören bekommen – übrigens Gründe, weswegen Leute unsere Gemeinde verlassen haben. Je nach Ausrichtung hört man:
1) Ich möchte erbaut werden, nicht beleidigt.
2) Mein Alltag ist stressig genug, stelle bitte nicht noch mehr Ansprüche an mich!
3) Gott liebt mich. Er will nicht, dass ich mich schlecht fühle.
4) Wenn wir die Menschen gewinnen wollen, müssen wir es langsam angehen lassen, und sie nicht mit antiquierten Ansichten überfordern (auch wenn wir sie ja nun mal als richtig sehen – *schäm*)
5) Ich habe eine andere Erkenntnis. Es muss doch auch was zählen, was ich in der Bibel sehe!
Daher muss es mehrere Wege zum Verständnis des Textes geben.
6) Ich habe eine andere Erfahrung gemacht, die diesem Text widerspricht! Was ich erlebt habe, kannst du mir nicht widerlegen. Also kann es auch kein schwarz oder weiß geben.
7) Klare Lehren führen zu Streit und Spaltungen. Deshalb sind klare Lehren nicht Gottes Wille.
8) Wenn das die großen Gottesmänner nicht verstanden haben, kann es nicht so wichtig für mich sein!
9) Ich habe keine Zeit. Lieber lese ich Losungen oder ein Andachtsbuch, als gar nichts, oder?
10) Ich glaube nicht, dass die Bibel auf alle meine Fragen eine Antwort hat. Mein Psychologe dagegen gibt mir guten Rat.
11) Wenn wir zu viel Theologie machen, hören wir zu wenig über Jesus. (Ich habe das wirklich gehört!!)
12) Die Ungläubigen verstehen solche Predigten nicht.
Usw usf...
-
#9
Fortsetzung...
Das sind so ein paar Sprüche, die ich zu hören bekomme.
Unterm Strich sind die Gründe für solche Aussagen:
Faulheit, Desinteresse, Ichbezogenheit, die Sorge um das Aufdecken von Sünden – alles Dinge, die uns der Zeitgeist eintrichtert.
Diesem Christen kommt man entgegen mit Instant- Andachten, Glaubenserfahrungen und events, Pep- Predigten, kurz, allem, was eine schnelle Lösung verspricht und die Bedürfnisse abdeckt. Warum sollte man sich anstrengen, wenn doch alles (scheinbar) mit weniger Aufwand auch zu haben ist?
Einem solchen Menschen kann ich nur versichern, dass solcher Glaube auch nur kurzwirksam ist, eben wie fast food (Kennst Du den super cartoon von dem, der an seinem Kreuz sägt, weil es ihm zu schwer ist? Sonst schreib ich mal einen link ein.)
Aber es ist wie gesagt eine der schwersten Übungen, einem geistlich trägen Menschen Begeisterung zu vermitteln. Ich rede mir in der Regel den Mund fusselig.
Hoffe, das hat Dich nicht erschlagen!
Liebe Grüße von Susanne -
#10
Hallo Susanne,
was soll ich da noch sagen:
erschlagen nicht - einfach super analysiert und strukturiert, nachvollziehbar geantwortet.
Es war eine große Hilfe!!!!!!!
In solchen Situationen versuche ich es mitunter mal anders herum. Ich lasse mich auf diejenigen und ihre Gedankenwelt ein und führe mit ihnen ihr Konzept konsequent zu Ende im Denken.
Dabei kommt eigentlich immer heraus, dass es so nicht geht etc.
Gut, da rede ich mir auch den Mund ...
Was wohl wieder eine Bestätigung dafür ist, dass es nicht das Werk des Intellekts, der Vernunft, der Logik ... ist - sondern Gottes Werk.
Wirklich gute Erfahrung habe ich mit der Herangehensweise: erst Gotteserkenntnis, dann ... gemacht.
Letztlich ist das aber kein Widerspruch zum Kapitel dieses Buches, weil die Beschäftigung damit, wer Gott ist - zwangsläufig zur Selbsterkenntnis führt. Also ich lande auch mit dieser Vorgehensweise zielsicher bei der "radikalen Verdorbenheit" oder beim biblischen Begriff "Sünde".
Ganz liebe und dankbare Grüße an dich, Susanne!
-
#11
Liebe Anna,
Hey, das freut mich!:-)
Scheint auch so, als ob Du eigentlich ganz gut zurechtkommst in solchen Diskussionen!Ich bin wahrscheinlich zu bequem, um den ganzen Weg gedanklich mitzugehen - ist aber eine gute Idee.
Ich habe übrigens noch was vergessen.
Du schreibst
"weil die Beschäftigung damit, wer Gott ist - zwangsläufig zur Selbsterkenntnis führt. "
Das trifft absolut den Kern der Sache!
In Anbetracht der Tatsache, dass Mund fusselig reden nicht viel gebracht hat, habe ich neulich einen Schritt weiter gemacht, um konkret zu helfen.
Unsere (lernwilligen) Frauen können oft mit dem AT nicht viel anfangen. Aber genau da, so finde ich, dann man Gott super kennenlernen (eben seine Souveränität, Heiligkeit, und dass ihm SEINE Ehre immer noch am wichtigsten ist.) Ohne das AT, so meine ich, versteht man das NT schneller falsch. Also habe ich sie aufgefordert, mit mir durch das AT zu lesen. Und damit sie nicht auf der Strecke bleiben, habe ich für jedes Kapitel Fragen aufgeschrieben, die auch dem Untrainiertesten helfen sollten, etwas aus dem Text mitzunehmen. Das Projekt läuft nun schon seit ein paar Monaten (wir sind schon im 5. Mose) und ich bin begeistert über die Veränderung, die in denen vorgeht, die sich darauf eingelassen haben.
Die ersten Blätter sind auf meiner Webseite zu finden.
Liebe Grüße zurück,
von Susanne
