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26

Jun

2010

Ein Gefühl von Vision: Eine Auswertung der Ansprüche von Leben mit Vision

von Nathan Busenitz

Dadurch, dass bereits vor der Veröffentlichung der englischen Originalausgabe des Buches Leben mit Vision (The Purpose-Driven Life) von Rick Warren 500.000 Exemplare vorbestellt waren, war das Buch schon vor seinem Erscheinungsdatum ein Mega-Bestseller. Seine Veröffentlichung wurde mit einer Welle der Begeisterung und Erwartungen begrüßt. Führende evangelikale Persönlichkeiten wie Billy Graham, Bruce Wilkinson, Max Lucado und Lee Strobel machten überzeugend Werbung für das Buch. Die Verkaufszahlen stiegen schnell bis in die Millionen, und sowohl die New York Times als auch die Christian Booksellers Associationwürdigten seinen Erfolg schnell. Was als Verkaufsschlager in seiner Gattung anfing, wurde schnell zum Bestseller aller Bestseller. Der sensationelle Verkaufserfolg dieses Buches ist unbestreitbar ein nie da gewesenes Phänomen. In der Zwischenzeit haben zahlreiche Gemeinden – sowohl evangelikale als auch andere – Warrens Kampagne »40 Tage – Leben mit Vision« durchgeführt. Neue Projekte wurden begonnen, um die Gemeinden nach den vierzig Tagen weiter zu begleiten. Angesichts dieser Reaktionen ist es nicht schwer zu verstehen, warum Warren glaubt, dass er eine neue Reformation in die Wege geleitet hat.

Überblick

Leben mit Vision erhebt den Anspruch, »ein Reiseführer zu einer 40-tägigen geistlichen Reise [zu sein], die Sie in die Lage versetzen wird, die wichtigste Frage in Ihrem Leben zu beantworten: ›Wozu bin ich eigentlich auf dieser Erde?‹« (S. 9). Mit der Begründung, dass eine Zeitspanne von vierzig Tagen der biblische Präzedenzfall für eine Veränderung des Lebens sei (S. 9), beantwortet Warren die Frage: »Wozu bin ich auf dieser Erde?«, und nennt seinen Lesern fünf Ziele für ihr Leben:

• Sie wurden zur Freude Gottes erschaffen [Anbetung].
• Sie wurden als Teil von Gottes Familie erschaffen [Gemeinschaft].
• Sie wurden erschaffen, um Christus ähnlich zu werden [Jüngerschaft].
• Sie wurden erschaffen, um Gott zu dienen [Mitarbeit].
• Sie wurden erschaffen, um einen Auftrag zu erfüllen [Mission].

Auf diesem Fundament behandelt Warren systematisch die fünf Zielbereiche – wobei er seinen Lesern kontinuierlich die Vorteile aufzeigt, die ein Leben nach diesen Zielen mit sich bringt. Von diesem Blickwinkel aus betrachtet, scheint Leben mit Vision ein sehr gutes Buch zu sein. Denn was könnte besser sein, als Millionen von Menschen grundlegende biblische Themen wie Anbetung und Jüngerschaft näher zu bringen?

Natürlich freuen wir uns sehr, dass ein Buch von einem evangelikalen Verleger von Hunderttausenden gelesen wird, die nie zuvor der Lehre Christi ausgesetzt waren. Und wir freuen uns, dass dieses Buch für Christen so viele Türen geöffnet hat, um mit nichtchristlichen Freunden oder Nachbarn über den Herrn zu reden, die nie zuvor ernsthaft über geistliche Dinge nachgedacht haben. Aber bietet dieser »praktische Reiseführer zu Sinn und Ziel des Lebens« (hintere Umschlagseite) wirklich all das, was er von sich behauptet? Ist Leben mit Vision wirklich das beste Hilfsmittel für Gemeinden, um Menschen mit den Grundlagen des christlichen Glaubens vertraut zu machen? Oder weist die Botschaft des Buches Mängel auf, die in Betracht gezogen werden müssen, wenn wir eine biblische Beurteilung durchführen? Lassen Sie uns darüber nachdenken und einige der Stärken und Schwächen von Leben mit Vision betrachten.

Stärken

Es wäre unfair, Rick Warrens Bestseller zu kritisieren, ohne ihn zuerst in mehreren Bereichen zu loben. Zum Beispiel beginnt das Buch mit einer wichtigen Frage – und zwar: »Was ist der Sinn des Lebens?« Das ist genau die Frage, mit der Salomo im Buch Prediger gekämpft hat. Und es ist eine Frage, mit der Millionen von Menschen noch heute kämpfen (was aus den Verkaufszahlen ersichtlich wird).

Warren beginnt nicht nur mit einer aufschlussreichen Frage, sondern versucht auch, sie biblisch zu beantworten. Er behauptet zu Recht: »Alles fängt mit Gott an« (S. 17), »Es dreht sich alles um ihn« (S. 52), »Sie wurden zur Freude Gottes erschaffen« (S. 61) und: »Unser erstes Lebensziel ist, Gott zu erfreuen« (S. 67). Er verurteilt jegliche Annäherung an den christlichen Glauben, wie sie in manchen »Selbsthilfe-Büchern« zu finden ist, und erklärt stattdessen, dass nur Gottes Wort uns offenbaren kann, was der eigentliche Sinn des Lebens ist. »Sie müssen Ihr Leben auf ewigen Wahrheiten aufbauen«, erklärt der Autor, »nicht auf populärwissenschaftlicher Psychologie, Erfolgsphilosophie oder inspirierenden Geschichten« (S. 20). Aus diesem Grund weist er über 1.200 Mal auf die Bibel hin – das heißt, die Schrift wird im Durchschnitt vier Mal pro Seite zitiert. Warrens ausdrücklicher Wunsch, wiederholt auf das Wort Gottes hinzuweisen, ist mit Sicherheit lobenswert.

In Leben mit Vision werden außerdem viele grundlegende Themen des christlichen Glaubens betrachtet – es wird betont, wie wichtig es ist, Gott zu verherrlichen (Tag 7), eine regelmäßige Stille Zeit zu haben (Tage 11 und 25), andere Christen zu lieben (Tag 16), in der Gemeinde mitzuarbeiten (Tag 17) und Nichtchristen Zeugnis zu geben (Tag 37). Während er sich stets auf die fünf wesentlichen Ziele bezieht (siehe oben), gibt Warren viel praktische Weisheit für das tägliche Leben als Christ weiter.

Warrens Fähigkeit, sich klar auszudrücken, ist mit Sicherheit ebenfalls einer der Pluspunkte von Leben mit Vision. Von Tag 1 bis Tag 40 ist das Buch leicht zu lesen und leicht zu verstehen. Deutliche Illustrationen, interessante Textkästen und hilfreiche Diskussionsfragen machen die Aufmachung von Leben mit Vision unglaublich leserfreundlich. Dadurch sind die kurzen Kapitel für Menschen, die mit evangelikaler Literatur nicht vertraut sind, weniger beängstigend (und leichter zugänglich).

Aus Sicht des christlichen Verlagswesens hat Warren das erreicht, wozu nur wenige andere Autoren in der Lage sind – er hat ein Buch geschaffen, dass von heutigen Lesern für relevant gehalten wird, aber trotzdem mit Bibelzitaten durchsetzt und gleichzeitig leicht zu lesen und zu verstehen ist. Aufgrund dieser Stärken ist es kein Wunder, dass Leben mit Vision so gut angenommen wurde.

Schwächen

Selbstverständlich ist Leben mit Vision wie jedes andere menschliche Buch nicht vollkommen. Durch seine unglaubliche Beliebtheit hat es jedoch weit mehr Einfluss auf die Menschen als die meisten anderen menschlichen Werke. Diese herausragende Stellung ist vor allem bezeichnend, weil dieses Buch den Anspruch erhebt, seinen Lesern den Grund für ihre Existenz selbst zu liefern. Aufgrund seiner großen Beliebtheit sowie des behandelten Gegenstands ist daher eine sorgfältige Prüfung von Leben mit Vision aus biblischer Sicht gerechtfertigt.

Es sollte gleich zu Beginn erwähnt werden, dass mit dieser Kritik nicht das Ziel verfolgt wird, Leben mit Vision als ketzerisch darzustellen. Gleichzeitig glauben wir jedoch, dass dieses Buch für seine Anhänger in einigen Bereichen ein gefährliches Vorbild ist. Unser Ziel besteht somit darin, die Leser auf einige der gefundenen Gefahren hinzuweisen.

Ein willkürlicher Umgang mit der Schrift

Der wichtigste Punkt zur Beunruhigung ist unserer Meinung nach die Tatsache, dass die Bibel, obwohl sie in Leben mit Vision oft zitiert wird, meistens nicht korrekt verwendet wird. Sicher, der Anspruch, den Warren zu Beginn formuliert, klingt großartig: »Gottes Absichten für Ihr Leben erkennen Sie am besten, indem Sie einfach die Bibel sprechen lassen. Aus diesem Grund werden in diesem Buch über 1000 Bibelverse zitiert« (S. 11). Eine genauere Betrachtung zeigt jedoch, dass die Bibel in Leben mit Visionwiederholt zu willkürlich zitiert wird.

In der englischen Originalversion des Buches verwendet Warren nicht weniger als 15 verschiedene Bibelübersetzungen und -übertragungen (in der deutschen Ausgabe wurden die folgenden 5 Übersetzungen benutzt: Luther 1984, Gute Nachricht, Hoffnung für alle, Einheitsübersetzung und die Rev. Elberfelder), um Beweistexte für einen Großteil seiner Argumentation zu haben, normalerweise ohne jeglichen Rückhalt durch Exegese oder Kontext. Der Autor begründet dieses Vorgehen auf Seite 325 im Anhang der englischen Ausgabe und erklärt: »Mein Vorbild dabei ist Jesus und wie er und die Apostel das Alte Testament zitierten. Oft zitierten sie nur einen Satz, um eine Idee rüberzubringen.« (Dieser Satz fehlt in der deutschen Ausgabe.) Leider erlaubt sich Warren aufgrund dieser Sichtweise (die an sich schon fraglich ist), Abschnitte vollkommen aus ihrem Zusammenhang zu reißen und sie so zu verwenden, wie es ihm gerade passt (und dabei wahllos irgendeine Übertragung zu benutzen, die gerade sein Argument zu unterstützen scheint). Im Gegensatz zu Jesus und den Aposteln ist Warren nicht vom Heiligen Geist inspiriert – was bedeutet, dass er nicht die Autorität besitzt, Gottes Wort so zu benutzen, wie es ihm gerade passt. Ein paar Beispiele sollen genügen (obwohl zahlreiche genannt werden könnten):

Auf Seite 19 der englischen Originalausgabe zitiert Warren Matthäus 16,25 aus der Übertragung The Message (»Self help is no help at all. Self-sacrifice is the way, my way, to finding yourself, your true self.«), um zu beweisen, dass man mehr braucht als Hilfe zur Selbsthilfe, um im Leben erfolgreich zu sein. Betrachtet man jedoch eine etwas wörtlichere Übersetzung von Matthäus 16,25, wird schnell deutlich, dass Christus hier nicht von Selbsthilfe redet, sondern vom eigentlichen Wesen des rettenden Evangeliums (Elberfelder: »Denn wenn jemand sein Leben erretten will, wird er es verlieren; wenn aber jemand sein Leben verliert um meinetwillen, wird er es finden.«). Dadurch, dass Warren den Kontext des Verses nicht erwähnt und eine sehr freie Übertragung verwendet, verändert er die eigentliche Bedeutung der Aussage Jesu. Auf Seite 137 redet Warren von der Gemeinschaft in der Gemeinde und erklärt: »Gott gab solchen kleinen Gruppen von Christen eine unglaublich große Verheißung: ›Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen (Mt 18,20).‹« Der Zusammenhang von Matthäus 18,20 macht jedoch deutlich, dass es in diesem Vers nicht um Gemeinschaft in Kleingruppen in der Gemeinde geht, sondern um die Autorität der Gemeinde, z.B. ihren Mitgliedern gegenüber Gemeindezucht zu üben.

Auf Seite 163 ermahnt der Autor die Leser, nicht zu lästern und anderen nicht beim Lästern zuzuhören. Dann schreibt er: »Wenn Sie solchem Gerede zuhören, dann nennt Sie die Bibel einen Verbrecher: ›Ein Verbrecher hört auf böswillige Reden und das Ohr des Lügners hängt am Munde des Verleumders‹ (Sprüche 17,4; GN) … ›Durch diese Menschen kommt es zu Spaltungen in der Gemeinde. Ihr ganzes Tun und Denken ist auf diese Welt ausgerichtet; aber Gottes Geist ist nicht in ihnen‹ (Judas 19; Hfa).« In Sprüche 17,4 wird allerdings nicht direkt das Lästern erwähnt und in Judas 19 geht es in keiner Weise um Lästerer, sondern um falsche Lehrer (und ihr Murren, ihren Stolz und ihr Schmeicheln). Auch wenn die Aussage ihre Gültigkeit hat (dass Lästern falsch ist), kann man sie nicht ernsthaft unterstützen, indem man wahllos Sprüche 17,4 mit Judas 19 kombiniert. Indem Warren diese Verse so verwendet (vor allem im Fall von Judas 19), lässt er die wahre Bedeutung des Textes außen vor.

An anderen Stellen wendet der Autor alttestamentliche Schriftstellen direkt auf neutestamentliche Gläubige an, ohne den ursprünglichen Kontext oder die ursprüngliche Aussage des Verses zu erklären. Zum Beispiel zitiert Warren Jeremia 29,11 und sagt: »Kennen Sie das Gefühl der Hoffnungslosigkeit? Dann passen Sie jetzt auf. Wundervolle Veränderungen werden eintreten, wenn Sie anfangen, sinn- und zielgerichtet zu leben. Gott sagt: ›Denn ich allein weiß, was ich mit euch vorhabe: Ich, der Herr, werde euch Frieden schenken und euch aus dem Leid befreien. Ich gebe euch wieder Zukunft und Hoffnung‹« (S. 31-32). Die Tatsache, dass diese Prophetie dem alttestamentlichen Israel angesichts der Babylonischen Gefangenschaft gegeben wurde, wird still und heimlich übersehen.

Man erkennt schnell, dass diese Unverantwortlichkeit bezüglich der Auslegung der Schrift in einem Desaster enden muss. Auch wenn alle fünf Lebensziele, die Rick Warren in Leben mit Vision untersucht, biblische Konzepte sind, benutzt er doch nicht immer die richtigen Texte, um seine Schlussfolgerungen zu unterstreichen. Stattdessen sucht er sich routinemäßig hier und dort einen Vers aus, der ihm gerade gefällt (oder einen Teil von einem Vers), und zwar von einer beliebigen Bibelübersetzung oder -übertragung, von der er meint, dass sie seine Aussage am besten unterstreicht. Dadurch ist er für andere ein gefährliches Vorbild – er vermittelt den Lesern den Eindruck, dass diese Art der Bibelauslegung (bei der Genauigkeit und Kontext scheinbar ignoriert werden) vollkommen akzeptabel sei.

Selbst das Fundament des Buches ist aus einer falschen Bibelauslegung heraus entstanden. Warren behauptet, dass eine Vierzig-Tage-Strategie die beste und biblischste Art und Weise sei, um eine wesentliche geistliche Veränderung herbeizuführen. Er erklärt:

»Aus der Bibel geht hervor, dass 40 Tage für Gott ein Zeitabschnitt mit großer geistlicher Bedeutung sind. Immer, wenn Gott jemanden für eine Aufgabe vorbereiten wollte, nahm er sich dafür 40 Tage Zeit« (S. 9, Hervorhebung hinzugefügt). Anschließend werden Beispiele genannt wie Noah (und die Flut), Mose (auf dem Berg Sinai), die zwölf Kundschafter (die Kanaan auskundschafteten), David (und Goliat), Elia (in der Wüste), die Stadt Ninive (nachdem Jona ihren Einwohnern gepredigt hatte), Jesus (in der Wüste) und die Jünger (nach der Auferstehung). Die Schlussfolgerung des Autors ist unmissverständlich: Gottes bevorzugte, wenn nicht gar einzige, Methode, um das Leben seiner Kinder zu verändern, ist ein Vierzig-Tage-Programm. Schließlich macht er den Lesern ein Versprechen, zu dem er nicht die nötige Qualifikation hat: »The next 40 days will transform your life« (S. 10 im englischen Original, wörtlich: »Die nächsten 40 Tage werden Ihr Leben verändern. « Die deutsche Ausgabe des Buches lautet richtiger: »Die nächsten 40 Tage können Ihr Leben verändern.«).

Bei dieser Behauptung verwechselt Warren jedoch das Beschreibende mit dem Vorschreibenden. Christen wird nirgendwo geboten, ein Vierzig-Tage-Programm zu befolgen. Wir müssen zugeben, dass die Zahl 40 in der Bibel eine besondere Bedeutung hat. Allerdings wird es nie als Modell vorgestellt, das wir befolgen müssen. Betrachten wir einige der Beispiele, die Warren nennt. Die Sintflut war keine Zeit, in der Noah das Ziel seines Lebens entdeckte. Stattdessen waren es vierzig Tage des Gerichts über die Erde. Noah hatte das Ziel seines Lebens 120 Jahre zuvor erkannt, als Gott ihm geboten hatte, eine Arche zu bauen. Auch die vierzig Tage, die Mose auf dem Berg Sinai verbrachte, waren keine Zeit des Zielefindens. Mose hatte sein Ziel schon erfahren, als er von Gott am brennenden Busch seinen Auftrag erhielt. Die zwölf Kundschafter sind ebenfalls ein schlechtes Beispiel, vor allem, weil zehn von ihnen unverändert und ungläubig blieben. David erfuhr erst von Goliat, als die vierzig Tage schon vorbei waren. Seine Begegnung mit dem Riesen fand in keiner Weise in einem Zeitraum von vierzig Tagen statt. Ich könnte noch weitere Beispiele nennen; aber es wird deutlich, was ich sagen will: Wenn die Beispiele im Zusammenhang untersucht werden, ist die biblische Unterstützung für Warrens Formel alles andere als überzeugend.

Eine lückenhafte Theologie

Zusätzlich zu einem willkürlichen Umgang mit der Schrift bietet Leben mit Vision den Lesern ein lückenhaftes theologisches Rahmenwerk. Das ist in einer evangelikalen Erklärung des allumfassenden Sinns des Lebens etwas überraschend. Schließlich sollten unsere Ziele die biblische Lehre in vollem Maße widerspiegeln, wenn sie wirklich biblisch sein sollen.

Doch trotz Warrens großen Versprechungen scheint Leben mit Visiontheologisch einseitig zu sein – bestimmte Themen der Schrift werden heruntergespielt (zum Beispiel der Zorn Gottes), während andere übermäßig betont werden (zum Beispiel die Liebe Gottes). Die Folge ist, dass die Wichtigkeit der Lehre selbst minimiert wird (siehe S. 35) und bestimmte wesentliche Inhalte der biblischen Lehre nur äußerst knapp gestreift werden. Betrachten wir zum Beispiel Warrens Darlegung des Evangeliums auf Seite 57:

"Glauben Sie! Glauben Sie, dass Gott Sie liebt und dass er Sie mit einem Sinn und einem Ziel erschaffen hat. Glauben Sie, dass Sie kein Produkt des Zufalls sind. Glauben Sie, dass Sie erschaffen wurden, um ewiges Leben zu haben. Glauben Sie, dass Gott Sie für eine Beziehung zu seinem Sohn Jesus Christus erschaffen hat, der für Sie am Kreuz gestorben ist. Glauben Sie daran, dass Gott Ihnen vergeben will, egal, was Sie getan haben.

Empfangen Sie! Empfangen Sie Jesus Christus als Ihren Herrn und Erretter. Empfangen Sie Vergebung für Ihre Sünden. Empfangen Sie seinen Heiligen Geist, der Ihnen die Kraft geben wird, Gottes Ziel für Ihr Leben zu erreichen. In der Bibel steht: »Wer sich an den Sohn hält, der hat das ewige Leben« (Johannes 3,36; GN). Egal, wo Sie diese Zeilen lesen: Ich lade Sie ein, das Gebet zu sprechen, das Ihre Ewigkeit verändern wird: »Jesus, ich glaube an dich und ich möchte, dass du Teil meines Lebens wirst.« Haben Sie den Mut. Wenn Sie dieses Gebet ernsthaft gesprochen haben, herzlichen Glückwunsch! Herzlich willkommen in der Familie Gottes. Sie sind jetzt bereit, das Leben zu entdecken, das Gott für Sie bereithält, und anzufangen, nach seinen Zielen für Sie zu leben."

Sicher: Warrens Einladung enthält einige der wesentlichen Aspekte des Evangeliums. Gleichzeitig scheinen andere wesentliche Elemente jedoch zu fehlen. Zum Beispiel fällt auf, dass Buße und Selbstverleugnung nicht erwähnt werden (vgl. Lk 9,23-24). Ebenso fehlen eine deutliche Erklärung der Konsequenzen der Sünde für die Ewigkeit und eine Erklärung, warum Jesus am Kreuz gestorben ist. Die Tatsache, dass Warren Buße erst später in seinem Buch erklärt (im Zusammenhang mit seinen Lehren über geistliches Wachstum, S. 103, 180), deutet fast auf ein pietistisches Verständnis (oder eine »Deeper-Life«-Philosophie) hin – bei dem Buße und »wahre Hingabe« (siehe Seite 78-82) fälschlicherweise als von der Bekehrung getrennte, spätere Erfahrungen angesehen werden.

Warrens Definition der »guten Nachricht« gegen Ende des Buches (Tag 37) geht auch nicht viel tiefer – die Vorteile der Gnade werden betont, ohne die ausweglose Situation des Menschen richtig zu erklären. Er erklärt: »Wenn wir auf Gottes Gnade vertrauen, die uns durch das rettet, was Jesus für uns tat, dann sind uns unsere Sünden vergeben, unser Leben bekommt einen Sinn und uns ist eine Zukunft im Himmel versprochen« (S. 290). Im restlichen Teil des Kapitels wird jedoch nie die schlechte Nachricht erklärt – und so wird wieder ein wesentlicher Teil der Heilsbotschaft weggelassen. Der Fairness halber sei hier erwähnt, dass Warren die Hölle kurz erwähnt (auf den Seiten 37 und 110). Allerdings tut er das eher im Vorübergehen, ohne auf die Ernsthaftigkeit der ewigen Verdammnis hinzuweisen.

Die Lehre von Gott wurde in Leben mit Vision scheinbar ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen. Einerseits erklärt Warren richtigerweise: »Wir können uns nicht einfach unser eigenes Bild von Gott schaffen, das in unsere Vorstellungen passt oder politisch korrekt ist… In seiner Wahrheit zu leben, bedeutet, den Gott anzubeten, den wir in der Bibel sehen« (S. 98-99). Andererseits scheint das Buch so sehr die Liebe, Güte und Fürsorge Gottes zu betonen, dass es gleichzeitig seine weniger »freundlichen« Eigenschaften (wie Heiligkeit, Zorn und Gericht) abwertet.

Bei seiner Beschreibung von Gott lässt Warren viele wichtige Wahrheiten weg und betont die Eigenschaften, die Gott nah und ungefährlich erscheinen lassen. Dadurch entsteht kein vollständiges, biblisches Verständnis von Gott. Sie werden von Warren nie etwas über Gottes Zorn gegen die Sünde hören. Er wird nie die Warnungen vor dem kommenden Gericht Gottes erwähnen, die in der Bibel zu finden sind. Sie werden von Warren nichts über Gottes Heiligkeit lernen. Sie werden keine Bibelabschnitte wie z.B. den folgenden hören: »Seht zu, dass ihr den nicht abweist, der da redet! Denn wenn jene nicht entkamen, die den abwiesen, der auf Erden die göttlichen Weisungen gab: wie viel mehr wir nicht, wenn wir uns von dem abwenden, der von den Himmeln her redet!« (Hebräer 12,25).

Mit anderen Worten: Warrens Darstellung des Wesens Gottes ist unvollständig. Ja, Gott ist unendlich liebevoll, fürsorglich, gütig und barmherzig. Aber er ist auch vollkommen heilig und gerecht. Durch seine einseitige Beschreibung des Wesens Gottes gibt Warren kein vollständiges Bild vom Wesen Gottes wieder. Und ein richtiges Verständnis Gottes ist grundlegend, um den wahren Sinn des Lebens zu finden.

In anderen Fällen grenzt die Theologie des Buches an Fahrlässigkeit. Manchmal klingt Warrens Terminologie auffallend psychologisch. Zum Beispiel enthält sein Plan zur Überwindung der Sünde den Tipp, sich auf etwas anderes zu konzentrieren (S. 206), seine Probleme einem guten Freund zu erzählen (S. 209) und zu erkennen, wie verwundbar man ist (S. 212). Tatsächlich werden sündige Verhaltensweisen oder »Fehler«, S.154) auf einen »Teufelskreis von guten Vorsätzen, Versagen und Schuldgefühlen« reduziert, von dem Menschen »befreit« werden müssen, denn »Sie sind nur so krank wie Ihre Geheimnisse« (S. 209-210, Hervorhebung hinzugefügt). An anderen Stellen präsentiert das Buch nicht-evangelikale Menschen als Vorbilder. So werden die Benediktiner (auf S.87) und Mutter Teresa (auf S.123), beides Repräsentanten des Katholizismus, sowie New-Age-Lehrer Bernie Siegel (S.31) als Vorbilder dargestellt. Immerhin stimmen diese Menschen mit dem allgemeinen Inhalt des Buches überein, in dem die Betonung auf Liebe, Gemeinschaft und persönlicher Erfüllung liegt. Lehrmäßige Unterschiede werden dagegen zurückgestellt.

Im Gegensatz dazu betonten die Lehren Christi und der Apostel den gesamten Ratschluss Gottes angemessen – nicht nur die angenehmeren Elemente. Jesus redete zum Beispiel mehr über die Hölle als über den Himmel, forderte Ungläubige zur Buße auf (Mt 4,17; Lk 5,32), bestand darauf, dass Gläubige radikal gegen Sünde vorgehen (Mt 5,29-30; 18,8-9), und erklärte, dass echte Jüngerschaft einem Menschen alles kosten kann (Mt 10,32-39; Mk 8,34- 38). Durch das Neue Testament hindurch wiederholen die Apostel dieselben Themen (siehe Mk 6,12; Apg 2,38; 20,21; Hebr 5,11-14), einschließlich der Wichtigkeit der Reinheit der Lehre (Gal 1,6-10; Jak 3,17; 2Petr 2; Judas). Auch wenn Warren diese Themen nicht unbedingt ablehnt, scheint er ihnen jedoch nicht die Bedeutung beizumessen und die Erklärungen zu widmen, die sie nach der Schrift verdienen – vor allem in einer Ausarbeitung über den eigentlichen Sinn des Lebens.

Eine übermäßige Popularität

Drittens scheint es, dass manche Leser dem Buch Leben mit Vision eine Vorrangstellung eingeräumt haben, die allein für die Bibel reserviert sein sollte. Ein Amazon.com-Buchrezensent drückt es zum Beispiel wie folgt aus:

Unser Pastor hat uns aufgefordert, unsere normale Stille Zeit mit einem 40-Tage-Studium durch »Leben mit Vision« zu ersetzen. Ich weiß nicht, wie wir auf die Idee kommen, dass es in Ordnung sei, Gottes Wort mit dem Buch eines Menschen zu ersetzen, aber ich lese es trotzdem.

Bob DeWaay fügt in seiner ausführlichen Rezension Folgendes hinzu: "Rick Warrens Elf-Millionen-Bestseller hat das Predigen der Bibel auf vielen Kanzeln und die Bibel selbst in vielen Bibelstunden ersetzt. Das Interessante ist, dass Abertausende von Gruppen auf der ganzen Welt Warrens Rat befolgt haben (»Ich möchte Sie wirklich ermutigen, sich mit einer kleinen Gruppe von Freunden zu treffen und sich wöchentlich über das auszutauschen, was Sie in diesem Buch gelesen haben« [S.303].). Sie haben angefangen, dieses Buch durchzuarbeiten und ihre Bibeln zu Hause zu lassen. Pastoren predigen Warrens Material anstelle des Wortes Gottes. Warren schreibt ebenfalls: »Wenn Sie dieses Buch zusammen durchgearbeitet haben, können Sie vielleicht ein paar andere Bücher, die auf Kleingruppen zugeschnitten sind, miteinander lesen« (S. 303). Die Botschaft des Evangeliums wurde durch die Methode Rick Warrens ersetzt. Die Bibel wurde von menschlicher Weisheit verdrängt."

Selbst ein Mitarbeiter einer Methodistengemeinde stimmt zu:

"Meine Gemeinde ist begeistert von dem, was sie für den neuesten Gemeindetrend hält – Leben mit Vision von Rick Warren... Als hauptamtlicher Gemeindemitarbeiter wurde mir dringend empfohlen, selbst teilzunehmen. Ich habe mit dem Buch erst angefangen, aber es lässt bei mir die Alarmglocken läuten … Teilweise ist es aufgrund der Tatsache, dass die Menschen es annehmen, als wäre es die Bibel."

Natürlich glauben wir nicht im Geringsten, dass Rick Warren sein Buch wirklich so sieht. Aber es ist schwer, der Macht der sich selbst erhebenden Sprache zu entfliehen, die das Buch enthält. Auf den Seiten 11 und 12 sagt Rick Warren zum Beispiel:

"Weil ich weiß, dass es sich lohnt, möchte ich Sie ermutigen, diese geistliche Reise durchzuhalten und keinen einzigen Tag zu verpassen. Ihr Leben ist es wert, dass Sie sich die Zeit nehmen und in Ruhe darüber nachdenken. Planen Sie das Lesen fest in Ihren Tagesablauf ein. Vielleicht möchten Sie auch mit mir einen Vertrag abschließen. Es verleiht einem Versprechen mehr Gewicht, wenn man es mit seinem Namen unterzeichnet."

Die Leser werden tatsächlich aufgefordert, einen förmlichen Eid zu unterschreiben, dass sie das Buch täglich lesen werden (vgl. Jak 5,12; Mt 5,34-37; 5.Mose 23,22-23). Es ist fast so, als ob sich ihre persönliche Stille Zeit nur noch um Leben mit Vision drehen sollte. Sicherlich können gute christliche Bücher eine wunderbare Rolle in der täglichen Andacht eines Gläubigen spielen – als Beilage zur Hauptmahlzeit der Schrift. Aber wenn ein Buch ein Ersatz für »die vernünftige,
unverfälschte Milch« wird (1Petr 2,1-2), sei es in der persönlichen Stillen Zeit oder in öffentlichen Predigten, ist etwas falsch.

Ein Teil dieses Problems könnte von den großartigen Versprechen herrühren, die das Buch gibt. Schon zu Beginn garantiert Leben mit Visionseinen Lesern, dass das Buch (und das Vierzig-Tage- Programm), wenn es richtig gelesen und durchgearbeitet wird, ihr Leben erheblich zum Guten verändern wird.

Auf Seite 9 erklärt der Autor:

"Dies ist mehr als ein Buch; es ist ein Reiseführer zu einer 40-tägigen geistlichen Reise, die Sie in die Lage versetzen wird, die wichtigste Frage in Ihrem Leben zu beantworten: »Wozu bin ich eigentlich auf dieser Erde?« Am Ende dieser Reise werden Sie Gottes Ziel für Ihr Leben kennen. Sie werden einen größeren Überblick haben und verstehen, wie die verschiedenen Teile Ihres Lebens zusammenpassen. Diese neue Perspektive wird Ihnen helfen, Stress zu verringern, leichter Entscheidungen zu fällen, zufriedener zu leben, und sie wird Sie vor allem auf die Ewigkeit vorbereiten."

Auf Seite 11 wird diese Behauptung wiederholt:

"Beim Schreiben dieses Buches habe ich immer wieder dafür gebetet, dass Sie die Hoffnung, die Energie und die Freude erfahren, die sich einstellt, wenn man entdeckt, wozu Gott uns auf diesen Planeten gestellt hat. Es gibt nichts Vergleichbares. Ich freue mich auf die Dinge, die mit Ihnen passieren werden. Sie sind auch mir passiert, und ich bin nicht mehr derselbe, seit ich Gottes Ziele und Absichten für mein Leben entdeckt habe."

Recht deutlich wird in Leben mit Vision behauptet, dass dieses Buch nicht nur die Leser über den Grund ihrer Existenz informieren, sondern auch den jetzigen Stand der Dinge in ihrem Leben radikal verbessern wird. Sie werden entscheidendes geistliches Wachstum und Veränderung in ihrem Leben erfahren und niemals mehr dieselben sein, wenn sie von den Dingen, die für sie bereitstehen, beeinflusst worden sind.

Aber sind diese Versprechen realistisch? In gewisser Hinsicht wird hier von einem Buch etwas versprochen, was nur Gott wirklich versprechen kann.

Schlussfolgerung

Noch einmal möchten wir betonen: Leben mit Vision ist keine offene Ketzerei. Tatsächlich werden viele biblische Wahrheiten wie die Wichtigkeit von Anbetung, Gemeinschaft, Jüngerschaft, Mitarbeit und Mission ausgeführt. Aus diesem Grund lieben so viele Menschen dieses Buch.

Gleichzeitig scheint der Ansatz dieses Buches aber sehr typisch für heutige evangelikale Trends zu sein – oberflächlich, verwässert und zum Wohlfühlen gedacht. Unserer Meinung nach ist der Umgang mit der Bibel zu willkürlich, das theologische Gerüst zu instabil, die Versprechen, die in dem Buch gegeben werden, sind zu hochmütig, und seine Verbindung zu anderen Produkten (z.B. Kirche mit Vision) auf dem Markt ist zu eng, als dass sie ignoriert werden könnte. Wegen dieser Mängel sind wir der Meinung, dass beim Lesen von Leben mit Vision dessen Inhalt von der Bibel her sorgfältig beurteilt werden sollte.

Auszüge aus dem Buch von John MacArthur: Es ist nicht alles Gold was glänzt, CLV, S.51-70 

 

Dieser Auszug wurde bereits als Artikel im Blog distomos.blogpost.com gepostet. Vielen Dank an CLV und Georg Walter.

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