Mo
21
Jun
2010
Gemeinsam Lesen: Die Lehren der Gnade (Finale)
Kapitel 9: Calvinismus in der Praxis (S. 227-241)
Nun befinden wir uns auf der Zielgeraden und sind im Begriff unser gemeinsam gelesenes Buch „Die Lehren der Gnade“ abzuschließen. Nachdem wir letzte Woche, das überaus gelungene Kapitel „Der wahre Calvinist“ betrachtet haben, kommen wir jetzt zu einem nicht minder wichtigen Kapitel „Calvinismus in der Praxis“. Das Kapitel ist gerade deshalb so wichtig, weil der Calvinismus meist mit trockener Theologie und „Unrelevanz“ für das praktische Christenleben in Verbindung gebracht wird. Doch die Autoren beweisen mit diesem Kapitel das Gegenteil. Sie zeigen uns wie praktisch angewandter Calvinismus, aussieht.
ZUSAMMENFASSUNG
Eine der großen Stärken des Buches, sind die neuen Perspektiven die uns die Autoren uns auf den Calvinismus eröffnen. Viele Thesen und Zitate aus diesem Buch sind fast unabdingbar in der Argumentation gegen den Arminianismus. Gleich am Anfang des Kapitels schreiben die Autoren:
„Das gehört zu den Stärken des Calvinismus – seine umfassende Perspektive, jeden Aspekt der menschlichen Existenz unter Gottes Autorität zu bringen und dadurch jede menschliche Unternehmung zur Herrlichkeit Gottes auszuführen.“
Ich denke das ist ein sehr treffender und zentraler Punkt bei den Lehren der Gnade. Und so stellen die Autoren auch unmissverständlich fest:
„Der souveräne Gott der Gnade ist souverän über alles.“
Dieses letzte Kapitel haben Boice und Ryken in 3 Abschnitte geteilt, das erste haben Sie „Christen, die Gnade erweisen“ genannt. In diesem Abschnitt legen die Autoren den Fokus auf die „Barmherzigkeit“ und „Evangelisation“. Sie erklären treffend:
„Eine Gemeinde, die die Gnadenlehren annimmt, weist alle im vorherigen Kapitel erwähnten Einstellungen und Merkmale auf. Ihre Anbetung hat Gott im Mittelpunkt, ihr Lobpreis und ihre Verkündung sind freudig und ehrfürchtig auf Gottes Herrlichkeit ausgerichtet. Ihre Mitglieder streben nach Heiligkeit und versuchen ein bußfertiges, dankbares Leben zur Ehre Gottes zu führen. All ihre geistlichen Bemühungen sind von absoluter Unterwerfung unter Gott geprägt. Die durch Gnade erlöste Gemeinde ist auch für ihr geistliches Wachstum von der souveränen Gnade Gottes abhängig.“
Wie ihr merkt möchten die Autoren, besonders die Auswirkungen der Gnadenlehren auf die Gemeinde betrachten. Ganz praktisch und biblisch erklären Sie im folgenden wie eine gesunde, calvinistisch bzw. reformiert geprägte Gemeinde zu Werke geht.
„Wenn Sünder durch Gottes unwiderstehliche, erwählende und erlösende Gnade aus dem Todesgriff der Sünde befreit wurden, sind sie verpflichtet, die Liebe Christi weiterzugeben. Gottes Erbarmen hat sie barmherzig gemacht.“
Anschließend erklärt Ryken wie Calvinismus, praktisch angewandt in seiner Gemeinde (Tenth Presbyterian Church) aussieht. Die Aufzählung der zahlreichen Dienste, die die Gemeinde besonders unter ungläubigen tut, wird viele verwundern. Wird der Calvinismus doch oft als Evangelisationskiller beschrieben, oder es wird behauptet der Calvinismus würde uns ungläubigen gegenüber kalt werden lassen. Ich denke, dass wir durch die Betrachtung des ganzen Buches das Gegenteil beweisen konnten. Das Zeugnis der Tenth Presbyterian Church von Philadelphia tut sein übriges. Am Schluss diesen Abschnitts heißt es treffend:
„...Dennoch veranschaulichen diese Dienste, was Gott im und durch das Leben von normalen Christen tun kann, wenn er für seine souveräne Gnade geehrt wird, die zu einem aufopfernden Dienst für die Armen, Schwachen und Bedürftigen motiviert. Trotz all unserer Fehler haben wir erlebt, dass Gott durch die Lehren der Gnade wirkt und Segen verbreitet. Denn wo die Gnade in all ihrer Kraft gepredigt wird, wird sie im und durch das Leben derer sichtbar, die durch sie errettet wurden.“
Der zweite Abschnitt ist mit „Christen, die das Evangelium verbreiten“ überschrieben. Hier werden nochmals Dinge angesprochen die bereits in den vorherigen Kapiteln (4,5) ausführlich dargelegt wurden. Und doch haben es die Autoren zu recht für wichtig erachtet diese Dinge wiederholt anzusprechen.
„...Genau in diesem Punkt wird der Calvinismus so häufig angegriffen. Das Argument lautet: Warum sollten wir evangelisieren, wenn Gott bereits entschieden hat, wer errettet wird? Wie kann das Evangelium jedem angeboten werden, wenn Christus nur für die Erwählten starb?“
Da wir diese Fragen bereits in den betreffenden Besprechungen zu den Kapiteln besprochen haben, möchte ich die Besprechung zu diesem Abschnitt mit den Worten des weisen J.I. Packer schließen:
„Der große Missionsbefehl...ist nicht nur ein Auftrag zum Predigen, sondern auch zum Beten; nicht nur zu Menschen über Gott zu reden, sondern auch zu Gott über die Menschen zu reden...Wir müssen predigen, weil ohne Kenntnis des Evangeliums niemand gerettet werden kann. Wir müssen beten, weil nur der souveräne Heilige Geist in den Herzen der Menschen unsere Predigt anwenden kann, damit sie errettet werden.“
Im dritten und letzten Abschnitt dieses abschließenden Kapitels fragt uns Ryken „Wie reagieren wir auf die Gnadenlehren?“. Die Prognose Rykens ist erstmal eher pessimistisch. Er schreibt:
„Alles scheint darauf hinzudeuten, dass Ansehen und Einfluss von bibeltreuen Christen – und insbesondere des Calvinismus – weiter abnehmen werden.“
Und doch ermutigt er uns die Gnade Gottes in all seinen Facetten zu umklammern. Der Autor schließt das Buch mit einem sehr treffenden Zitat von B. B. Warfield (Beschreibung eines echten Calvinisten):
„Er hat die unbeschreibliche Schau gesehen, und er wird sie nicht einen Moment aus den Augen lassen – Gott in der Schöpfung, Gott in der Geschichte, Gott in seiner Gnade. Überall sieht er die mächtigen Fußabdrücke Gottes, überall erkennt er das Wirken seines mächtigen Armes.“
FAZIT
Das abschließende Kapitel weist uns nochmals auf die rechte Anwendung und die praktische Auswirkungen eines „biblischen Calvinismus“ hin. Zwar wurden alle Argumente bereits in den vorherigen Kapitel ausführlicher behandelt, dennoch werden hier wichtige Wahrheiten in eine knappe, praktische und einleuchtende Form gepresst. So dass jeder zum überdenken dieser Lehren motiviert wird.
LETZTE BEMERKUNGEN
Ich denke, es hat sich wirklich gelohnt, dieses Buch auf diese Art und Weise durchzunehmen. Zwar habe ich das Buch bereits vorher einmal gelesen und doch hat sich mein Blickwinkel auf dieses Buch durch diese Reihe deutlich verändert. Durch den Dialog und die Meinungen meiner Mitleser durfte ich viel mehr lernen, als ich es für möglich gehalten habe. Danke an dieser Stelle, die mitgelesen und mitgeschrieben haben. Am Ende lässt sich über das Buch sagen: Die Lehren der Gnade von James M. Boice und Philipp G. Ryken umfasst den Calvinismus auf eine kompakte und doch sehr umfassende Art und Weise. Sicher, eine komplette biblische Darstellung dieser Lehren ist in diesem Buch nicht in Gänze gegeben. Doch als informatives Werk mit sehr praktischen Zügen ist dieses Buch besonders für Skeptiker des Calvinismus gut geeignet. Außerdem liefert das Buch unzählige Argumente, Zitate und Sichtweisen, die helfen den Calvinismus richtig darzustellen. Deshalb kann ich an dieser Stelle eine uneingeschränkte Kaufempfehlung aussprechen.
NÄCHSTE WOCHE
Dieses Buch haben wir nun abgeschlossen und wenden uns nun einem neuen Buch zu. Ihr habt durch die Abstimmung entschieden. Es wird der Klassiker von J.C. Ryle, "Seid heilig!" sein. Morgen werde ich das Buch dann ausführlicher vorstellen.
DEIN PART
Das Ziel der Serie "Gemeinsam Lesen" ist, bibeltreue Literatur gemeinsam zu lesen und zu besprechen. Wenn du mitlesen möchtest, kannst du dies gerne tuen und dabei deine Meinung und/oder Fragen loswerden. Fühl dich also frei, den Kommentarbereich zu gebrauchen. Vielen Dank fürs mitmachen. Möge der Herr dadurch verherrlicht werden.
DAS BUCH
Infos zum Buch der aktuellen Serie und eine Möglichkeit es zu erwerben findest du hier.
ARTIKEL AUS DER SERIE
Gemeinsam Lesen: Die Lehren der Gnade (Finale)
Gemeinsam Lesen: Die Lehren der Gnade (IX)
Gemeinsam Lesen: Die Lehren der Gnade (VIII)
Gemeinsam Lesen: Die Lehren der Gnade (VII)
Gemeinsam Lesen: Die Lehren der Gnade (VI)
Gemeinsam Lesen: Die Lehren der Gnade (V)
Gemeinsam Lesen: Die Lehren der Gnade (IV)
Gemeinsam Lesen: Die Lehren der Gnade (III)
Gemeinsam Lesen: Die Lehren der Gnade (II)
5 Kommentare
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#1
Deine Gedanken, Peter, möchte ich auch noch einmal unterstreichen.
Das Buch sollte zeigen, dass der Evangelikalismus die Gnadenlehren braucht. Und nachdem die Lehren behandelt, die daraus resultierende Gesinnung eines „wahren Calvinisten“ ausführlich beschrieben wurde, kommen nun die für alle sichtbaren Werke dieser Lebenshaltung als Prüfungskriterium in Betracht.
Wir dürfen nicht vergessen, dass es in diesem Teil zuerst darum ging, die Vorwürfe wie: Engstirnigkeit, beschränkter Horizont, unerbittliche Haltung gegenüber Andersdenkenden, evangelisationsfeindlich … zu entkräften.
Ich denke, dass man dies unbedingt im Hinterkopf behalten muss, weil es heute Bestrebungen gibt, die die Gemeinde Gottes als „Sozialarbeiter“ verpflichtend integrieren wollen. Diese Bestrebungen zielen auch darauf ab, die ganze Gesellschaft zu transformieren und politische Macht (ähnlich einem theokratischen Staat) auszuüben.
Im Detail kann man sich dazu unter den Stichworten: Dominionismus, Transformation, Rick Warren unter www.distomos.blogspot.com und besonders in Videoform (leicht verständlich) unter www.nuntia.de informieren.
Dieses Gedankengut ist aber an diesem Buch nicht festzumachen, denke ich.
Hier geht es um das Aufzeigen der Werke, die keinerlei Anlass geben, die im Buch aufgeführten Vorwürfe gegen die Gnadenlehren aufrechtzuerhalten.
Dabei ist auch zu beachten, dass die grandiosen Anstrengungen klein, freiwillig und mit Eigeninitiative begannen, den örtlichen Besonderheiten entsprechend. „Die Gemeinde liegt nicht weit vom Zentrum der Homosexuellen in Philadelphia entfernt, …“ (S. 229)
„Im Jahr 1984 begannen Gemeindemitglieder – darunter auch einige, die von Homosexualität bekehrt wurden -, für die Schwulengemeinschaft Philadelphias zu beten.“ (S. 229)
Das soll mal als Beispiel genügen.
So unwahrscheinlich gigantisch diese Darstellungen sind, darf man aber auch nicht vergessen, dass die Lage insgesamt so eingeschätzt wird:
„Ich erwähne diese Beispiele nicht, um hervorzuheben, dass die Gemeinde einen außergewöhnlichen oder gar vorbildlichen Dienst ausübt. Die Gesamtwirkung der Gemeinde auf die Stadt Philadelphia ist gering.“ (S. 232)
Wichtig auch folgendes Statement:
„Taten der Barmherzigkeit können zwar die Liebe Christi ausdrücken, aber nicht Glauben und Buße bewirken.“ (S. 233)
Besonders beeindruckend, neben den Zitaten, die du Peter schon eingestellt hast, diese mit denen ich gleichzeitig schließe:
„Evangelisation ist kein Schwachpunkt calvinistischer Theologie, sondern eine ihrer größten Stärken. Die Gnadenlehren sorgen dafür, dass die große Wahrheit des Evangeliums bestehen bleibt: dass Gott Sünder rettet. Ja, Gott rettet sie, denn sie können sich nicht selbst retten.“ (S. 238)
„Gottes souveräne Gnade wirkt sich auf vielerlei Weise positiv auf die Evangeliumsverkündigung der Gemeinde aus. Calvinistische Evangelisation ist geduldig und beharrlich, weil wir wissen, dass Gott durch seine Gnade selbst den verhärtetsten Sünder erweichen kann. Sie ist außerdem eifrig im Gebet.“ – anschließend folgt das Zitat von Packer. (S. 238)
Liebe Grüße Anna.
PS: Auch ich habe mit großem Gewinn und viel Freude an dieser Aktion teilgenommen.
Danke Peter, dass du nicht aufgegeben hast und so beharrlich dabei bliebst!
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#2
Danke, mal wieder für deine wertvollen und ergänzenden Gedanken. Der Austausch mit dir, war mir sehr wertvoll. Vielen Dank dass du jede Woche dabei warst (natürlich hoffe ich insgeheim, dass du auch bei der nächsten Staffel dabei bist...;-)
Im Herrn verbunden
Peter -
#3
Hallo Peter und Anna,
Zurück aus dem Urlaub (bei dem ich das halb gelesene Buch nicht dabei hatte), habe ich zumindest das letzte Kapitel gelesen und will hier auch noch eine meiner Lieblingsstellen wiedergeben:
Aus dem Zitat von J.I. Packer: „Wir müssen klar erkennen: Nur wenn unser Wissen um die Souveränität Gottes unser Planen, Beten und Arbeiten in seinem Dienst steuert, können wir vor diesem Fehler bewahrt bleiben. Denn wo wir uns nicht bewusst auf Gott verlassen, da werden wir uns unweigerlich sehr bald auf uns selbst verlassen.“
Ich finde, dass diese kurzen Sätze genau auf den Punkt bringen, warum der Calvinismus praktisch ist – nicht nur (wie in diesem Kontext) in der Evangelisation, sondern in jedem Aspekt unserer Gemeindearbeit und unseres persönlichen Lebens. Die Annahme dieser Grundlagen über Gott hat unmittelbare Konsequenzen in unserem Alltag! Daher bin ich froh, dass sich die Autoren die Mühe gemacht haben, den Calvinismus von dem Ruf einer schwer verständlichen, unlogischen und gefährlichen Irrlehre zu befreien. Hoffentlich fällt dieses Buch vielen Christen in die Hände – insbesondere angesichts christlicher Veröffentlichungen, die den Calvinismus falsch und verzerrt darstellen, wie z.B. „Fiat Lux“.
Da ich noch 2 Kapitel „nachholen“ will und 2 Bücher fertig lesen möchte, kann ich Dir keine Zusage für das nächste Buch machen, Peter. Ich bräuchte ein paar Wochen Zeit, bevor ich was Neues anfange.
Es hat mir aber echt Freude gemacht, mit Euch das Buch zu lesen, und ich werde Euch im Auge behalten. Das Buch von Ryle habe ich (zumindest in englisch) hier – kann also jederzeit einsteigen.
Liebe Grüße an Euch, Danke für die angeregten Diskussionen und bis hoffentlich bald mal wieder,
Eure Susanne
-
#4
Dieses:
"hoffentlich bald mal wieder" - gebe ich dir gerne und von Herzen zurück.
Deine Anna -
#5
Hallo Susanne,
deine Beiträge waren eine enorme Bereicherungen (auch weil ich gemerkt habe, dass du mir um einiges Voraus bist...;-) Ich hoffe natürlich, dass du uns erhalten bleibst und zähle auf dich...auch bei "Seid heilig!".
Liebe Grüße
Peter 